Donnerstag, 21. März 2019

Ein Wochenende am Meer…


Endlich mal wieder raus. Jetzt, wo die ersten Klausuren eintrudeln und sich in den Schulstrukturen auch bereits einige Dinge auftun, die gern auch anders laufen könnten, wird es mal wieder Zeit, aus unserer immer enger werdenden Wohnung herauszukommen und ans Meer zu fahren, um dort wenn schon nicht die Klausuren, dann doch wenigsten den Alltag im Meer zu versenken. Kurzerhand haben wir uns für das Wochenende in einer Pousada in Bertioga eingemietet. Eine von unzähligen Buchten in der Nähe von São Paulo. Der Strand ist weit und fest, gespickt mit Barracas, die leckeren frischen Saft und weniger leckere Fritierfehlschläge verkaufen. Das Meer ist sehr warm mit einer angenehmen, kindgerechten Welle am Ufer und einer für Surfer interessanteren Welle etwas weiter draußen, die auch fleißig von Einheimischen genutzt wurde.
Interessant an diesem Ort ist auch seine Geschichte, denn hier steht das älteste Fort Brasiliens (Mitte 16. Jh.). Das von europäischer Architekturgeschichte verwöhnte Auge sehnt bisweilen alte Gebäude herbei und tatsächlich gibt es sie hier auch ( und auch bisweilen in São Paulo, wenn man genau hinschaut). Mit den Ausmaßen eines etwas größeren Einfamilienhauses mit großem Garten fällt das Fort eher bescheiden aus, aber es ist eben auch ein Vorposten europäischer Besiedlung. Ein kleines Museum im Fort lässt zweierlei Aspekte deutlich werden: Die Geschichte Südamerikas beginnt erst mit der Entdeckung und Eroberung durch die Europäer, was vorher war ist zumindest an diesem Ort nur bedingt interessant. Und die Urvölker sind lediglich als Fremdlinge und als Exoten irgendwie interessant gewesen und schienen nur darauf gewartet zu haben, missioniert zu werden – von São João, nach dem das Fort auch benannt ist.
Ein anderer Teil der Geschichte an diesem Ort handelt von einem gewissen Herrn Mengele. Denn am Strand von Bertioga ist er ertrunken. Nicht zu fassen, dass so ein Mensch noch bis 1979 ein recht entspanntes Leben an solchen Orten verbringen konnte. Wenigsten hatte er mit dem Badeunfall dann ein eher unrümliches Ende.
Auf dem Weg zwischen dem Meer und São Paulo fährt man dann durch die Bergkette Serra do Mar, die bis in die Gipfel mit üppigem, dichten Grün bewachsen ist und man wähnt sich tatsächlich in einer Vorstellung von Paradies, in dem Mensch, Tier und Gestrüpp einst im Einklang miteinander lebten (naja, vielleicht etwas idealisiert). Wenn da nicht zwischendurch die Häuserketten von Santos den Wald überragen oder Steinbrüche oder Industriegebiete mit Raffinerien usw. den Wald zerschneiden würden. Was für eine ausgewogene Welt dies gewesen sein muss, bevor die Europäer kamen und mit der Europäisierung und und später dann Amerikanisierung das Antlitz des Landes nachhaltig veränderten. Besonders beindruckend ist in diesem Kontext dann die Einfahrt nach São Paulo von Süden her, wenn man die ersten Vororte mit den Favelas passiert und sich dann plötzlich die zusammengewürfelten Hochhäuser auftun. Schrecklich schön, dieser intensiv urbane Ort. Aber ob der schieren Größe des Landes scheint es hier Beides zu geben: Die Spuren menschlicher Zersiedelung, mit all ihren Vorzügen und Nachteilen, aber auch üppige und (zumindest von außen betrachtet) intakte Natur.
Die Stadt




Schlammkur

Inspiration?!






Baum

Endlich missioniert

Improvisierter Arbeitsplatz

Montäglicher Fahnenappell in der Schule

Er ist da…

Erinnerungen werden wach.

schön gemütlich

Vor oder nach dem Auspacken?

Die Crew
Was für ein besonderer Moment: Vor genau 8 Wochen haben wir unser Hab und Gut auf eine lange Reise geschickt und nun ist es tatsächlich angekommen. Pünktlich zum hiesigen Herbstanfang und mit einer Prise Hamburger Schietwetter versehen trudelte unser Container vor unserem neuen Haus ein. Die brasilianische Packing-Crew hat sich glücklicherweise nicht als Wrecking-Crew entpuppt und so steht nun ein bisschen Heimat inmitten von Brasilien. Wie schön. Bis es dann wohnlich ist wird noch einiges Wasser den Amazonas runter laufen, denn die Hausbesitzer sind auch etwas verspätet mit dem Auszug, aber wir nehmen es mit brasilianischer Gelassenheit und sind froh, dass wir von all den Gruselgeschichten von korrupten Hafenbeamten und schlechter Organisation verschont geblieben sind.

Wird sich das irgendwann noch mal ändern?

Als wir neulich am Samstagmittag eine größere Hauptstraße entlangfuhren, verlangsamte sich für einen kurzen Moment der Verkehr. Zunächst dachten wir, es sei ein Verkehrsunfall. Beim langsamen vorbeifahren dann aber sahen wir, dass ein Auto mit offenen Türen auf dem rechten Fahrstreifen dastand und davor ein Polizist gerade einen Mann im Schwitzkasten niederrang. Daneben standen zwei weitere Leute (wahrscheinlich auch aus dem Auto) und ein weiterer Polizist, die ziemlich unbeteiligt danebenstanden. Insgesamt wirkte die Szene ziemlich grob und übergriffig, aber es machte den Eindruck, als sei dies nicht ungewöhnlich. Generell ist Gewalt hier ein anders gefühltes und gelebtes Thema. Wenn man durch die Stadt fährt fällt natürlich auch sofort auf, dass das private Leben streng getrennt von den öffentlichen Straßen stattfindet. Hohe Mauern, Kameras, Stromzäune, Sicherheitspersonal ist allgegenwärtig. Selbst in unserem Miethaus gibt es einen Stromzaun und an der nächsten Straßenecke sitzt ein Wachmann, dem man ein bisschen Geld gibt, damit er die Einfahrten der anliegenden Häuser beobachtet.
Im Zuge des Amoklaufs in São Paulo war ebenfalls Interessantes feststellbar. Zunächst hat man glücklicherweise wenig Erfahrung mit solchen Vorfällen in Brasilien. Das Medienecho war groß und sämtliche Fußballspiele wurden mit Schweigeminuten begonnen. Im Gespräch mit Schülern zeigt sich neben der Betroffenheit aber auch immer wieder die Einstellung, man müsse sich ja gegen solche Täter schützen können, indem man sich selbst bewaffnet. Wasser auf die Mühlen der hiesigen Regierung. Und wenn man diese Condomino-Gesellschaft weiterdenkt, müsste man statt die Ursachen zu bekämpfen, sich nur noch mehr abschotten, sodass am Ende Reichen- und Armenghettos existieren. Quasi Distrikte wie bei den Hunger Games.
Das ohnehin schon angeschlagene Sicherheits-Image Südamerikas wird durch solche Aktionen nicht gerade aufpoliert. Nun ist es aber ähnlich wie eine Reise nach Australien. Zunächst hat man im Blick, dass es von den 10 giftigsten Tierarten der Welt allein 8 in Australien gibt. Und wie viele Menschen dort von Haien und Krokodilen attackiert werden - Hallelujah. Dann ist man dort und es springen einen nicht sofort die Giftschlangen und Quallen an. Wenn man aufmerksam ist und ein paar Regeln beherzigt, dann funktioniert ein Leben ziemlich gut – so auch hier. Ich will die erhöhte Gefahr hier in Brasilien gar nicht kleinreden, aber es wird auch viel geschürt. 
Das Condomino als Ort der physischen Sicherheit hat sicher seine Daseinsberechtigung und existiert auch nicht ohne Grund. Es ist aber auch Ausdruck einer anderen sozialen Schicht. Schaut her, ich habe (endlich / schon immer) mehr als ihr und muss mich deshalb vor euch schützen. Irgendwie nachvollziehbar, aber auch paradox, wenn man seinen neuen Wohlstand dann doch auch nicht zeigen kann, sondern hinter Mauern verbirgt. Eine Art selbstverschuldete bzw. -gewollte Unfreiheit. Das wird sich auf absehbare Zeit auch wohl nicht ändern…

Freitag, 8. März 2019

„Ihr müsst zur Einsteiger-Fortbildung nach Rio…“




…sprach der Koordinator an der Schule zu uns. Na gut, wenn es sein muss. Allerdings durfte dann doch nur Lena, da mein bismarcksches Pädagogikkonzept "Zuckerhut und Peitsche" noch nicht auf fruchtbaren Boden fiel. So machte sich Lena dann für fünf Tage auf den 45-minütigen Flug nach Rio, bildete sich etwas fort und probierte sich ansonsten als carioca in Copacabana und Girl from Ipanema. Neben schönen ersten Eindrücken dieser weltbekannten und mythenumrankten Stadt brachte sie auch eine satte Halsentzündung mit (klassischer Fall von fehlender Resistenz gegen ständige Temperaturstürze von 38 auf künstlich klimatisierte 18 Grad). Derweil beschäftigte sich der Rest der Familie mit einer hiesigen Geburtstagsfeier, einem Ausflug durch die Stadt zu einem bloco (den wir leider verpassten, da wir uns im Tag geirrt hatten) und einer Party bei unseren zukünftigen Vermietern in unserem zukünftigen Haus. Zu guter Letzt besuchten wir den botanischen Garten: ein grünes Kleinod inmitten der Stadt mit einem sehr schönen Regenwaldabschnitt, der einen jedoch etwas traurig stimmt, wenn man bedenkt, dass vor nicht allzu langer Zeit beinahe der gesamte Küstenstreifen, die Mata Atlantica, so wunderbar überwaldet war und nun ziemlich zersiedelt und zerholzt ist.
Apropos zersiedelt: São Paulo ist eine sehr interessante Stadt. Man wähnt sich bisweilen in Lego-City, wenn man an den wahllos zusammengestellten Hochhäusern vorbeifährt. Dann gibt es aber auch richtig schöne Parks, überall subtropische Vegetation und ein sehr facettenreiches kulturelles Angebot, bei dem vor allem die Kinder mehr als erwartet auf ihre Kosten kommen. Und so fällt dann auch Lenas Urteil im Vergleich zu Rio zugunsten unserer neuen Heimat aus.
Die wichtigsten Gradmesser für die Lebensqualität bleiben aber die Kinder. So hatte der Kleine am Montag einen ganz schweren Moment. Klar, wer mag schon Montage. Aber hier vermischte sich doch Einiges: Montags-Blues, Angst vor all dem Neuen und damit auch Stressigem, das Bedürfnis nach elterlicher Geborgenheit und ein ganz schöner Dickkopf. Und auch die Große war beim Abschied in der Schule den Tränen nahe, ertrug es nur etwas tapferer. Es sind diese sensiblen Momente, in denen man als Eltern denkt, dass wir den Kids eine ganze Menge zutrauen, aber auch zumuten mit unserem Brasilien-Abenteuer. Am Ende des Tages erzählt Emily, dass sie bis 29 auf portugiesisch zählen kann und ihr das von ihrer Freundin Dora beigebracht wurde. Und Juli? Nachdem es eine Stunde gedauert hat, ihn morgens abzuliefern, will er nun aber ab sofort aufgrund seiner selbsterklärten Reife nach der Schule allein von der Klasse ins Lehrerzimmer gehen – übrigens als einziges Kind der Grundschule. Man muss durch tiefe Täler, um Gipfel zu erstürmen.
Und wenn man doch mal raus möchte, gibt es natürlich auch schöne Ausflüge ins Umland. So zum Beispiel zur Fazenda Enstança Imperial bei Olimpia. Hier gibt es eigentlich alles, was man braucht, um sich dem Alltag (ja, wir haben nach fünf Wochen schon sowas wie einen Alltag) und dem wilden Karnevalstreiben zu entziehen. Ruhe, Spaß und Spiel für die Kinder, Pool und Ponyreiten und unsere ersten frei lebenden Tukane. Dass wir uns dem Karneval entziehen liegt zum Einen daran, dass Entschleunigung nach vier Wochen Überholspur notwendig ist, wir partiell bereits Eindrücke davon gewinnen konnten und der Karneval, ähnlich wie in Deutschland, am Ende nicht selten in ein großes Gelage ausartet, wofür wir uns ein Jahr Vorbereitung noch nehmen wollen. Und die Kids kommen hier sowieso auf ihre Kosten,  allein schon durch die Stunden im Pool. Juli schwimmt nun auch seine ersten Meter über Wasser und den (größeren) Rest dann unter Wasser. Emily reitet galant und routiniert auf ihrem Pony. 
Und den Caipi an der Poolbar könnten wir hier unerwähnt lassen, machen wir aber nicht.
 
 
Samba in der Schule
 
kleiner Karneval in Sao Paulo

 
Super Helden
 
Fazenda-Eindrücke ----->









Alle beherrschen ihr Pony. Und wer nicht? - Ronny!




fußballerische Symbiose



Ewige Liebe

Interessante Spinne
Lustiges Herrenklo

Rio de Janeiro...

...und unsere City. Zugegeben: Rio sieht schon chicer aus von oben.

Streetart in der Innenstadt